Bisweilen kryptisch

Messiaen-Nacht: Orgelwerke zum 100. Geburtstag des französischen Komponisten

DARMSTADT. Olivier Messiaen ist der bedeutendste Orgelmusikkomponist des 20. Jahrhunderts. Am 10. Dezember feiert die Musikwelt seinen 100. Geburtstag, und auch in Darmstadt zollt man ihm Respekt: Die vier heimischen Organisten Christoph Bornheimer, Andreas Wagner, Andreas Boltz und Hans-Joachim Dumeier fassten in einer fünfstündigen Orgelnacht in der katholischen St. Ludwigskirche drei Hauptwerke Messiaens zusammen.

Die bisweilen kryptische, mit Clustern, Akkord-Salven und exotischem Vogelgezwitscher angereicherte Musik verlangte von den Hörern höchste Aufmerksamkeit, sie beinhaltet Querverweise zur Musikwissenschaft, zur katholischen Liturgie, zu Zahlensymbolik und Metaphysik, zum historischen Kontext des Evangeliums, zur Dogmatik mit ihrer Trinitätslehre und zur Vogelkunde. Zu hören waren die Werke „Les corps glorieux“ (Der verherrlichten Leiber) von 1939, die „Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité“ (Meditationen über das Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit) von 1969 und das „Livre du Saint Sacrament“ (1984/85).

Der 20 Jahre alte Darmstädter Organist Christoph Bornheimer zeigte in „Les corps glorieux“ bemerkenswerte Fähigkeiten. Seine kluge Disposition ließ das siebensätzige Werk an der vorzüglichen Winterhalter-Orgel wie aus einem Guss erwachsen. Präzise bediente Bornheimer die Schweller oder kreierte ein archaisch anmutendes, mahnendes Unisono im fünften Satz. Wirkungsvoll war die Lichtregie in die musikalische Abfolge eingebunden, so dass im Rund der Ludwigskirche zum Beispiel zu Freude und Glanz im sechsten Satz Scheinwerfer dazugeschaltet wurden.

Etwas flüchtiger schien der Beitrag von Andreas Wagner, der nur gelegentlich als Konzertorganist auftritt, ansonsten als gefragter Sänger, unter anderem am Staatstheater Darmstadt. Er übernahm die Sätze eins bis fünf der „Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité“. Zaunkönig, Schwarzdrossel, Buchfink, Garten- und Mönchsgrasmücke tirilieren in diesem Stück ihre Soli, später schreien Schwarzspecht und Raufußkautz. Dahinter steht religiöses Gedankengut. Ab dem sechsten Satz spielte Andreas Boltz, der Organist von St. Ludwig, das Werk zu Ende. Bei ihm spürte der Hörer geistige Durchdringung und technische Souveränität. Sein Anschlag war klarer in Details, sein Klangbild schärfer. Das mit Abstand längste Werk des Abends – das Livre du Saint Sacrament – mit seinen 18 Sätzen blieb dem Michelstädter Organisten Hans-Joachim Dumeier vorbehalten. Auch er überzeugte durch seinen souveränen Umgang mit der Orgel und vermochte den Spannungsbogen trotz Pausenunterbrechung zu halten.

mra

Darmstädter Echo vom 23.9.2008